KW 4Die Woche, als Trumps TikTok-Deal real wurde

Die 4. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 10 neue Texte mit insgesamt 72.575 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Sebastian Meineck

Liebe Leser*innen,

der TikTok-Deal ist komplett. Das US-Geschäft der einflussreichen Plattform liegt nun in den Händen des Konsortiums „TikTok USDS“ und rückt damit stärker unter den Einfluss der rechtsradikalen Trump-Regierung.

Große Anteile haben die US-Investmentfirma Silver Lake und der Cloud-Anbieter Oracle. Letzterer wurde gegründet von Trump-Amigo Larry Ellison. Ein weiterer großer Anteil liegt bei einem Staatskonzern der Vereinigten Arabischen Emirate, einer Monarchie. Das chinesische ByteDance behält knapp ein Fünftel der Anteile.

Wenn das vor sechs Jahren geschehen wäre, als die zähe TikTok-Saga ihren Anfang nahm, hätte mich das aufgewühlt. Damals hatte ich nämlich noch TikTok aktiv genutzt. Es hätte mich persönlich umgetrieben, was all das nun genau bedeutet:

  • Wohin fließen meine Daten, wenn ich direkt mit US-Inhalten interagiere?
  • Bekommt die Moderation der Inhalte von US-Creator*innen einen MAGA-Drall?
  • Werden Menschen in den USA jetzt mehr rechtsradikale Propaganda in ihren Feeds sehen?

Auf diese Fragen habe ich heute keine Antwort. Was wir wissen: Mehr US-Einfluss macht die Plattform nicht vertrauenswürdiger als vorher. Schon vorher war es schwer zu durchschauen, was wirklich bei TikTok vor sich geht. Künftig wird es noch schwieriger.

Immer wieder hatte TikTok in der Vergangenheit etwa den Einfluss des chinesischen Mutterkonzerns ByteDance heruntergespielt – und damit auch die Nähe zur chinesischen Regierung. Bis heute ist unklar, in welchem Umfang Daten von EU-Nutzer*innen nach China geflossen sind. Nun hat sich mit den USA ein weiterer fragwürdiger Player im Maschinenraum der Plattform breit gemacht.

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Tor für Popkultur und Information

Zwar hat TikTok für meinen eigenen Medienkonsum inzwischen keine Bedeutung mehr. Trotzdem weiß ich, dass TikTok für viele Menschen das Tor schlechthin ist zu Popkultur, Information und Unterhaltung. TikTok hat also kulturellen und politischen Einfluss. Nach dem TikTok-Deal muss sich die Plattform die Frage gefallen lassen: Wie stark wird MAGA künftig auf TikTok Einfluss nehmen?

Klare Antworten könnten lange auf sich warten lassen. Mögliche Einflussnahmen auf große Social-Media-Plattformen können nämlich auch sehr subtil sein, und dennoch eine breite Wirkung haben:

  • Mit welchen konkreten Signalen arbeiten die Filtersysteme der Inhaltsmoderation?
  • Mit welcher Priorität prüfen wie viele Menschen welche Inhalte?
  • Sollen die Empfehlungsalgorithmen eher Inhalte bevorzugen, die Menschen beruhigen und ablenken – oder eher Inhalte, die sie aufwühlen und aktivieren?

Diese Beispiele zeigen: Schon mit simplen Stellschrauben einer großen Plattform lässt sich das allgemeine Befinden oder die Aufmerksamkeit eines US-amerikanischen Millionenpublikums in bestimmte Richtungen lenken. Und selbst wenn solche Einflussnahmen nicht bewusst geschehen, sondern Nebeneffekte einer Plattform sind, die bloß ihren Profit maximieren will – unbedenklich werden sie dadurch nicht.

Um die Medienmacht großer Plattformen wie TikTok untersuchen zu können, um den Verdacht von Einflussnahme auszuräumen, dafür bräuchte es Transparenz. Etwa durch einen wirksamen Zugriff auf interne Daten für unabhängige Forschende. In der EU gibt es Gesetze dafür, TikTok und andere große Plattformen sträuben sich dennoch dagegen. Diese Intransparenz hinterlässt bei mir ein mulmiges Gefühl.

Euch ein schönes Wochenende
Sebastian

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Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck
    Philipp Sipos

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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